Wir hatten bis dahin nicht viel vom Kriege gemerkt, obwohl er doch schon fünf ein halb Jahre dauerte und uns damals vor dem 1 September 1939 sehr vor sich hatte zittern lassen, die wir nur wenige Kilometer von der polnischen Grenze entfernt lebten. Nur wenn man daran dachte, dass täglich viele Frauen und Mutter grauenvolle Nachrichten bekamen, wurde es einem plötzlich bewusst, dass Krieg war. Oder wenn man hörte, dass die russischen Truppen immer weiter vordrangen, dann überfiel einen eine plötzliche Angst. Was hatten doch die ost preussischen Flüchtlinge gesagt, die vor einigen Tagen angekommen waren und die wir in der Stadt untergebracht hatten? Nur nicht daran denken! Der Sonntagmorgen, von dem ich erzählen will, beruhigte. Die Sonne glitzerte auf dem Schnee, alles atmete Frieden aus, und ich wollte gerade mit Schlittschuhen das Haus verlassen, als es nur plötzlich grausam bewusst war, dass ich dazu keine zeit hatte, dass Krieg war. Ein Anruf kam: Call! Etwas musste geschehen sein. Bald erfuhr ich, dass russische Panzerspitzen in der Nacht durchgebrochen seien und nur noch 100 km von Friedland entfernt aufgehalten würden. Panik herrschte in der Stadt. Am Nachmittag bekamen wir von der Schule die Erlaubnis, nach Hause zu fahren; ich war auf einer Internatsschule. Schnell wurden die Koffer gepackt und zum Bahnhof gebracht. Einen Tag und eine Nacht lang wir blieben wir auf dem Bahnhof, ohne dass es uns gelang, uns in einen Zug hineinzudrängen. Nur fort! Einmal versteckte uns ein Soldat in einem Güterwagen, doch ein anderer warf uns wieder hinaus zu unserem Glück, der Zug war für die Front bestimmt. Nach 30 Stunden verzweifelten Wartens schleppten wir entmutigt die Koffer wieder die fünf Kilometer in die Stadt zurück. Auf der Strasse fuhr ein Flüchtlings Wagen hinter dem anderen. Wir hörten, dass viele Kinder auf der Flucht erfroren seien. - Wie sollten wir nun nur nach Hause kommen? Sollten wir zu Foot gehen? Das erlaubte die Schule nicht. Es war sehr cold, der Schnee lag hoch, und der Weg war 70 km weit. Telephonieren konnte man auch nicht mehr. Endlich am übernächsten Tag liess der Vater meiner Freundin, die wie ich nach Baldenburg gehörte, uns mit seinem Auto abholen. Er war Arzt und hatte dem Fahrer eine Bescheinigung mitgegeben, dass er kranke Kinder abholen müsse. Privat autos durften nur noch in besonderen Fällen verkehren. Oft wurde das Auto inspected, aber man liess uns Un- gehindert nach Hause fahren. - Doch auch Baldenburg gehörte zur ,,Gefahrenzone I" und bekam am next Tage ,,Packbefahl". Schon wenige Tage darauf wurde der "Räumungsbefehl" erteilt. One fand nicht Zeit, von den Freunden zu verabschieden. Schnell wurden die notwendigsten Sachen zusammengepackt und auf Wagen geladen, Wir fuhren mit meiner Tante und dem Treck ihres Dorfes. Mit der train zu fahren, war aussichtslos. So begann unsere Flucht am 29 Januar mittags. Bis zum Abend hatten wir nur 13km zurück gelegt und das nächste Dorf erreicht. Es gab oft Stockungen, denn die Wagen fuhren gedrängt. Oft kamen die Pferde in dem hohen Schnee nicht vorwärts. Nie hatten sie wohl so schwere Lasten ziehen müssen. 89 Mehr und mehr warfen die Leute von ihren Wagen ab in die Strassengraben, Radios, Kisten mit Weckgläsern, Koffer mit Wasche die und andere schwere Dinge. Das Wichtigste war das Futter für die Pferde, das musste man behalten. Meine Mutter fuhr einen grossen Schlitten voll Korn für unsere Pferde. Meine Tante fuhr einen Wagen, und die übrigen Wagen wurden von ausländischen Arbeitern gelenkt. Ich musste mit dem Hunde nebenher gehen. Zuerst hatte ich mich auf meinem Rodelschlitten von einem Wagen mit ziehen mit lassen, aber den hatte ich bald Arbeits dienstlern geschenkt, die einen völlig erschöpften Kameraden darauf mitnehmen wollten, - Ich lief auch lieber. Man fror dann nicht so sehr. Es war kalt, und wir spürten das empfindlich, obwohl wir alle in Langschäfter und Pelzmäntel gehüllt waren. Es schneite unaufhörlich. So stapfte ich mit dem Hunde durch den Schnee neben den Wagen her und ärgerte mich nur immer, dass wir nicht schneller vorwärtskamen. Als wir am Abend in ein Dorf kamen, konnten wir kaum die Strasse passieren. Dicht gedrängt standen die Wagen, und die Menschen liefen umher und suchten Unterkunft für sich und ihre Pferde. Kinder suchten weinend ihre Angehörigen. Auch ich hatte am liebsten geweint. Meine füsse taten so weh, und ich hatte so gern ein Bett zum Schlafen gehabt. Aber zuerst musste für die Pferde gesorgt werden. Endlich fanden wir noch Platz für sie in einer Scheune ausserhalb des Dorfes und Unterkunft für uns in einem Raum, in dem schon sechs Personen auf dem Fussboden lagen, zwei Arbeits dienstler, zwei Kinder und zwei alte Leute. Die Kinder konnten auf dem harten Boden nicht schlafen und weinten, die alten Leute jammerten, weil sie nicht wussten, wie sie am nächsten Tage weiterkommen 90 sollten, nur die beiden erschöpften Jungen schliefen fest auf der harten, kalten Erde. Sie hatten Tag für Tag 60 km zurückgelegt, um den Russen im Warthegau zu entgehen. Am nächsten Morgen ging es weiter. Das Schneegestöber war noch stärker geworden, und wir kamen den ganzen Tag über nur zehn Kilometer vorwärts. Gegen Abend erreichten wir ein Gut, auf dem man aber auch schon zum Aufbruch gerüstet war. - Der nächste Tag brachte endlich klares Winterwetter, und wir kamen schneller vorwärts. Als Tages ziel hatten wir ein grosses Dorf bestimmt. Nicht weit davon überholte uns ein Jagdwagen, der in dieses Dorf fuhr und mich mitnahm. Ich hoffte, dass der Treck bald nachkommen würde. In dem Dorfe liess ich mir zuerst in der Volksküche etwas zu essen geben. Die ganze Ortschaft war voller Flüchtlinge. Endlich nahmen mich alte Leute bei sich auf. - Am anderen Morgen war noch nichts von unserem Treck zu sehen. Überall sagte man mir, in diesem Durcheinander würde ich wohl meine Angehörigen nicht mehr finden und ich solle nur zusehen, dass ich weiterkäme. Aber ich setzte mich an ein Fenster und beobachtete die Strasse, und wirklich sah ich nach einigen Stunden meine Mutter mit unserer Ukrainerin vorbeigehen, die auf der Suche nach mir waren. Ich erfuhr, dass schon alle sehr in Sorge um mich gewesen seien. Treck war am vergangenen Abend im letzten Dorf stehengeblieben und hatte Quartier gemacht. Wir waren gezwungen, dort einige Tage lang zu bleiben, da Landstrassen für Militär freigehalten werden sollten und nicht von Trecks verstopft werden durften. In diesen Tagen lebten wir nur von Radiomeldung zu Radiomeldung. Erleichtert hörten wir, dass die russischen Truppen zum stehen gebracht worden seien, und schliesslich schickte meine Tante zwei Polen mit einem Wagen nach Hause, damit sie nach Vieh sähen. Es war nur 70 km weit bis dorthin. Ich fuhr mit nach Baldenburg, um zu sehen, wie es bei uns aussähe Baldenburg war fast völlig von der Bevölkerung verlassen, aber viel Militär war dort, denn die Stadt bildete einen wichtigen Knotenpunkt im Ostwall. Durch ein Missverständnis liessen mich die Polen allein in Baldenburg zurück als sie am nächsten Tage wieder zum Treck fuhren. Eine Woche lang hauste ich allein, bis, auch um mein Schicksal in Sorge, der ganze Treck zurückkam. Man hoffte, dass endlich die deutsche Front zum Stehen käme. Auch fragte man immer wieder: Wohin sollen wir? Wenn wir den Krieg verlieren, dann wird ja doch ganz Deutschland besetzt. - Und man sehnte sich nach diesen Tagen des Umherirrens auf der Landstrasse wieder nach einem Heim. Immer mehr Leute kamen von der Flucht zurück. Man brauchte uns auch unbedingt in Baldenburg. Ich war zuerst den ganzen Tag lang damit beschäftigt, durchziehenden Flüchtlingen zu helfen. Ich hatte es nun ja selbst erfahren, wie hart es ist, nicht zu Hause sein zu können. Diese Menschen kamen zum Teil von weit her, von Lettland, von Estland, ja sogar vom Schwarzen Meer. Eines Tages kamen auch viele Flüchtlinge aus der Gegend meiner Schulstadt. Da erfuhr ich dann, dass F. drei Tage lang von den Russen besetzt gewesen sei, dass viele Kameradinnen verschleppt und einige Bekannte sogar tot seien. Nun wäre es auch für uns ratsam gewesen, wieder aufzubrechen, aber wenn wir an die Tage dachten, die wir auf der Landstrasse und in den Häusern fremder Menschen zugebracht hatten, dann verwarfen wir jeden Gedanken an eine nochmalige Flucht. - Hin und wieder 91 stiessen russische Panzer vor, und einmal waren sie nur 14 km von der Stadt entfernt. Einige Male griffen uns Flugzeuge an, zerstörten den Bahnhof und schossen Flüchtlingswagen mit MG. in Stücke. Für uns Kinder - ich war damals 16 Jahre alt - war das ein Ereignis, und wir fühlten noch nicht so sehr die Gefahr. Auch als russische Flugzeuge uns, die wir vor der Stadt Laufgräben schippten, mit MG. beschossen, fürchteten wir uns nicht so sehr, wie unsere Angehörigen in der Stadt um uns zitterten. - Die Tage erforderten viel Arbeit von uns. Ich hatte mich mit 16 Jungen zusammengetan, und wir halfen den Soldaten beim Stellungsbau. Trotz der vielen Bunker an den Ufern der 20km langen Seen kette wurde in der Mitte der Seen ein vier Meter breiter Panzergraben in das Eis gehauen, der aber bald wieder zufror, und Tag für Tag schlugen wir Löcher für Unterstände in den hartgefrorenen Boden. Und daran kamen die Russen. - Es war wieder ein Sonntag der 25. Februar. Wir sassen gerade mit unseren einquartierten Soldaten beim Kaffee trinken, als die Stadt suddenly beschossen wurde. Wir rannten auf den Hof. Im selben Augenblick sauste ein Geschoss gerade über das Dach hinweg. Meine Mutter schrie gellend auf, schlug die Hände vors Gesicht und stürzte ins Haus zurück. Die Soldaten holten schweigend ihre Panzerfäust. Da wussten wir genug. Russische Panzer! - Nach einigen Stunden qualvollen Wartens im Luftschutzkeller war der Kampf anscheinend beendet. Angeblich sollten nur sechs versprengte Panzer in die Stadt gedrungen sein. Vier waren in den Strassen abgeschossen worden, während zwei das Weite gesucht haben sollten. Gerade wollten wir um 1 Uhr beruhigt schlafen gehen, da kam der Befehl, dass 92 wir in einer Stunde die Stadt verlassen haben müssten. Hätten wir geahnt, dass auf dem anderen Stadtende die Russen schon in allen Häusern die Bevölkerung quälten, hätten wir uns wohl nicht mehr so ruhig schlafen legen wollen. - Und da begann auch schon die Beschiessung von neuem. Als mich auf den Hof trat, sah ich in der Hauptstrasse 200 Meter von mir entfernt, die ersten russischen Panzer vorbeifahren. Sie schossen mit MG. in die Neben- strassen hinein. Ich lief los, meine Mutter mit mir ziehend, und so gelang es uns, an den Haüser wänden entlang laufend, die Stadtgrenze zu erreichen. Überall stiessen wir auf Gruppen von Soldaten, und jedesmal glaubten wir, es seien schon Russen, denn die Besatzungen von mehreren Panzern sollten entwichen sein. Die Panzersperren am Stadtausgang waren noch nicht herabgelassen, und so gelangten wir auf die freie Landstrasse. Und wir liefen, liefen, liefen in Nacht und Regen. Soldaten und Flüchtlingswagen mit abgehetzten Pferden und weinenden Kindern überholten uns, Bekannte schlossen sich uns an. Jeder hatte nur ein wenig Handgepäck. Nur vorwärts! Vorwärts! - Und unaufhörlich rann der Regen... Im Morgengrauen erreichten wir die 18 km entfernte Stadt Bublitz. Wir waren so erschöpft, dass wir erst einmal zu Bekannten gingen, um auszuruhen, obwohl es ratsamer gewesen wäre, weiter zu laufen. - Als wir dort mittags erwachten, standen die russischen Panzer auch vor dieser Stadt. Wieder begann die Beschiessung. Die feindlichen Panzer standen auf einem Hügel unweit der Stadt und schickten von dort aus ihre Granaten auf die Häuser, und sie wurden nur wenig von einem deutschen Panzerzug daran gehindert. Am späten Nachmittag sahen wir auch hier die ersten russischen Panzer in den Strassen. Mit 20 94 Menschen sassen wir in einem Raum, als gegen Morgen die ersten Russen ins Haus drangen, die mach versprengten deutschen Soldaten und nach - Uhren suchten. Am anderen Tag hatte die ganze Stadt ein anderes Aussehen. Allerdings sahen wir sie einstweilen nur vom Fenster aus. Auf der Strasse durften wir uns nicht blicken lassen. Ein Mann, der aus der Haustür guckte, wurde sofort angeschossen. Die ganze Stadt war voller Russen. Panzer auf Panzer rasselte durch die Strassen weiter nach Westen. Stalinorgeln rollten vorbei, ungeheure Massen russischer Soldateska fuhren gröhlend vorwärts "nach Berlin" wie die schrien. Bald wurde es uns unmöglich, in der verkehrsreichen Strasse zu bleiben. Unablässig kamen betrunkene Soldaten ins Haus. Schliesslich liefen wir einfach auf die Strasse, meine Mutter und ich, und es gelang uns, ungehindert zu Bekannten zu kommen, die eine Gärtnerei am Stadtrande bewohnten. Bis zum Abend mussten wir uns einem Treibhaus versteckt halten, weil Russen im Haus waren. Eine Woche lang bot uns der Wintergarten der Gärtnerei eine Unterkunft, in der man uns nicht so leicht finden konnte; er bestand aus zwei Räumen, die hinten an das Haus gebaut waren und in denen wir elf Personen leben konnten. Ganz leise mussten wir sein, um ins nicht zu verraten. Nur nachts durften wir uns hinauswagen in die Treibhäuser und in den Keller, um etwas zu essen zu suchen. Nicht weit vom Hause entfernt gruben sich bald russische Geschütze ein, die Tag und Nacht Feuer gaben. Drei Tage lang lag Baldengurg im Frontgebiet. Einmal begannen die Russen zurückzugehen, und wir jubelten, obwohl das Haus infolge der nahem Einschläge zitterte. Einmal kamen auch deutsche Stukas und brachten der russischen Artillerie schwere Verluste bei. Wir konnten vom Fenster aus alles beobachten. Aber unsere Freude war umsonst. Unsere Truppen kamen nicht zurück. In der folgenden Nacht schossen die Russen mit Leucht Spur Munition die Stadt in Brand. In unserem Haus gossen sie Öl aus und zündeten es an. Wir hofften, den Wintergarten retten zu können. Er stiess nur mit einer Wand an das Haus und hatte eine cel Wir hatten vier Bottiche voll Wasser hereingetragen, und nachdem wir aus dem anstossenden Zimmer alle Möbel in den schon lichter loh brennenden nächsten Raum geworfen hatten, damit das Feuer nebenan nicht so stark werde, benässten wir mit Hilfe einer Gartenspritze dauernd die ans Haus stossende Wand. Der Wintergarten brannte nicht an. Draussen bot sich uns ein schrecklicher Anblick. Alles um uns herum brannte. Die Funken sprühten in die nachtliche Luft und um tanzten Menschen, die obdachlos durch die Strassen gehetzt wurden. Bei uns im Keller und in den Treibhäusern hatten viele Leute Schutz gesucht. Für uns war es nun gut, dass das Haus abgebrannt war. So vermutete niemand hinter den Trümmern noch Menschen. Erst nach einer Woche fanden uns russische Offiziere. Sie nahmen mich mit, angeblich zur Arbeit. Meine Mutter liess mich nicht allein. Man brachte uns in eine Kirche, in der schon etwa 500 Menschen zusammengetrieben waren. Dort sah ich auch Klassenkameradinnen wieder, die mich baten, keine Angst zu haben, sie seien schon in Warschau gewesen und man habe sie doch wieder zurückgebracht. Und nun geschah ein Wunder: Meine Mutter und ich durften als einzige von all den Menschen wieder nach Hause gehen, 95 schon nach einer Viertelstunde. Warum, darüber denken wir noch heute nach. Alle, die mit uns dort waren, sind in den Ural verschleppt worden. Viele sind noch dort. Die meisten sind wohl tot. Weil aber ein Offizier, der uns nach Hause brachte, drohte, ich müsse mit ihm nach Sibirien, er werde mich am nächsten Morgen holen, machten meine Mutter und ich uns im Morgengrauen auf den Weg zu Bekannten, die einen Hof zwei Kilometer vor der Stadt besassen, Ungehindert gelangten wir auf die Landstrasse. Nur mühsam kamen wir vorwärts. Wir waren völlig entkräftet, weil wir während der letzten Wochen kaum etwas gegessen hatten. Auf der Strasse sahen wir Wagen neben Wagen, zerschossen, von Panzern angefahren, in die Gräben gestossen. Tote lagen daneben oder darin. Panzer hatten die Flüchtlinge überholt. Einige Wochen lang lebten wir einigermassen ruhig auf dem Hofe unserer Bekannten. Nur wenn wir Russen kommen sahen und dann in unseren Verstecken sassen, wir waren drei junge Mädchen dort, dann waren wir krank vor Angst. Auf dem Nachbarhof waren sieben junge Mädchen zwei Monate lang im Keller versteckt, ohne einmal herauszukommen. Eines Tages fanden uns dann Polen, die das benachbarte Gut bewirtschafteten, und holten uns zur Arbeit. Tag für Tag arbeiteten wir von da an auf diesem Gut. Auf geheimen Wegen mussten wir dorthin gehen, um nicht von den Russen gesehen zu werden, Zuerst musste ich im Kuh Stall helfen, und dann "durfte" ich in der russischen Molkerei arbeiten, in der ausser einem anderen deutschen Mädchen und mir nur Polinnen und Russinnen waren. Ein russisches "Soldaten mädchen" hatte die Aufsicht. 96 Dort mussten wir zwei Deutschen dann alles ausbaden, was diese Mädchen während ihrer Zwangsverschickung in Deutschland erlitten haben mochten. Anfang Juni, als die Strassen sicherer geworden waren, gingen meine Mutter und ich in meine Heimstadt Baldenburg zurück. Auch Baldenburg war völlig zerstört. Durch die Fensterhöhlen der Ruinen konnte man bis ans Stadtende sehen. Unser Haus war eins der wenigen, die heil waren. Doch lebten andere Leute darin, und wir fanden keinen Platz. Vergeblich suchten wir Unterkunft bei meiner Tante im Nachbardorf. Ihr Haus war russische Kommandantur, und sie lebte selbst mit vielen anderen Menschen in einem kleinen Haus zusammen. Endlich fanden wir doch noch Platz in unserem Hause. Alle Leute wunderten sich, als sie mich sahen. Es gab nicht mehr viele Mädchen in der Stadt. Einige kamen im Laufe der Zeit aus Graudenz zurück, wohin sie verschleppt worden und wo sie zwei Monate eingesperrt gewesen waren. Die meisten waren in Graudenz oder auf dem Rückmarsch von dort gestorben, besonders infolge des vergifteten Kaffees, den sie bei ihrer Entlassung hatten trinken müssen. In Baldenburg wurde mir zuerst befohlen, beim polnischen Bürgermeister zu arbeiten, das Land wurde langsam polonisiert, und dann wurde ich zur russischen Kommandantur geholt, wo ich bald in der Wäscherei, bald in der Küche, auf dem Felde oder in der Kommandantur arbeiten musste. Man bekam dann wenigstens täglich 500 g Brot und manchmal etwas Milch. Im übrigen ernährten wir uns von Früchten, die in den verlassenen Gärten in verschwenderischer Fülle wuchsen. 98 Vom Zeitgeschehen erfuhren wir nichts. Wir wussten nicht einmal genau, ob der Krieg beendet sei. Die Russen hatten Freude daran, uns zu verwirren. Eines Tages wurde ein Anschlag in der Stadt angebracht, auf dem zu lesen stand, dass alle, die nach Deutschland auswandern wollten, sich auf dem polnischen Bürgermeisteramt zu melden hätten. Ich tat dies unverzüglich, denn ich hatte schon seit Monaten Fluchtpläne geschmiedet. Im November bekamen wir einen "Auswandererschein" nach Deutschland, und am 30 November 1945 begann unsere Reise. Der Pole, mit dessen Familie wir schon seit Monaten im Hause hatten zusammenwohnen müssen, fuhr uns nach Neustettin zum Bahnhof. Auf den Nebenstrecken gab es keine Geleise mehr. Unsere Sachen hatten wir fast alle verkaufen müssen, um das Geld für die Fahrkarten zusammenzubekommen. Die übrigen Sachen nahm man uns unterwegs ab. Die Reise war schrecklich. Am schlimmsten war, dass mich in Stargard Polen mitschleppten. Ich musste acht Stunden lang für eine polnische Familie arbeiten. Als ich wieder zum Bahnhof zurückkam, fand ich meine Mutter nicht. Nach fünf Stunden verzweifelten Suchens fuhr ich allein zur Grenze weiter. Auf der Grenzstation musste ich eine Nacht lang auf dem Bahnsteig warten. Ich hatte Hunger, und mich fror, weil man mir selbst die Handschuhe genommen hatte, bis dann am anderen Morgen der Berliner Zug kam, um uns abzuholen. Ein furchtbares Gedränge begann. Niemand wollte zurückbleiben. Allein und ohne Gepäck konnte ich mich leicht durch ein Fenster hineinschieben. Glücklich sah ich am selben Abend die Lichter der Reichshauptstadt aufblitzen. Ich fand den Weg zu Bekannten, bei denen auch meine Mutter und meine Tante eine Woche später ankamen. 99 Man hatte ihnen in Stargard gesagt, ich würde nach Warschau gebracht. Da waren die beiden zu fuss weitergegangen, um nicht auch noch verschleppt zu werden. Unendlich froh waren wir, dass wieder ohne Furcht leben konnten.